Rendezvous im Cyberspace

von

Uli Treml

April 1996

Seppi betrat gutgelaunt den Cyberraum. Das Zimmer hieß nicht etwa deshalb so, weil sich hier eine komplette Schnittstelleneinheit ``Virtual II'' zur Benutzung des DreamLANs Sektion ``Bayerischer Wald'' befand. Weit gefehlt. Laut Auskunft einer silbernen Gedenktafel rechts neben dem Eingang stand hier vor vielen Jahren mal eine Rechenmaschine, die so hieß. Wieso ein einzelner Computer 100 m² Fläche beanspruchte, konnte er sich zwar nicht erklären, aber er freute sich, die nächsten zwei Stunden den Raum für sich alleine zu haben. Schließlich gab es in der Stadt nur 512 davon. Für mehr Teilnehmer war das DreamLAN der Firma ``Multi_Med'' nicht gerüstet.

Multi-Med stellte auch Vitamintabletten her. Beide Geschäftszweige florierten. ``Hauptsache viel'' dachte Seppi und erwog, eine Firma ``Multi-Mö'' zu gründen, die Tische mit mehr als vier Beinen vetriebe. Nicht umsonst hatte er ja BWL studiert. Inzwischen waren seine Kleider ausgezogen und er zwängte sich in den Ganzkörperanzug.

Als er gerade den Reißverschluß schließen wollte, fiel ihm ein, daß er vorher noch pinkeln sollte. Gottlob hatte man an eine Toilette gedacht und so dauerte es nur zehn Minuten, sich aus dem Anzug herauszuschälen, die Blase vollständig zu leeren und den Anzug wieder anzulegen. Schwitzend setzte er den Helm auf und streifte die Handschuhe über. Leider war der Anzug aus Gummi und nicht atmungsaktiv, so daß es ihn überall juckte und der Gummi an seiner Haut klebte.

Seppi hoffte, daß es dem Vorträger nicht ähnlich ergangen war. Wenigstens hatte er am Morgen gut gekackt: dieses Thema würde wohl nicht zum Problem werden. Auch seine Freundin Veronika, mit der er heute verabredet war, würde nichts über seinen hygienischen Zustand erfahren.

Nun informierte er den Schnitstellenprozessor, daß er gedenke, als Rock Hudson das DreamLAN zu betreten. Schuppdiwupp verschwand der Raum und vor seinen Augen erschien eine Tür. Er mochte eigentlich Gary Grant nicht so, aber Veronika würde Grace Kelly sein und hatte darauf bestanden. Weiber...

Neben der Tür befand sich ein Spiegel. Er trug einen hellblauen Anzug guter Qualität, war frisch rasiert und mußte sich etwas ducken, weil der Spiegel nicht für so große Cyberspacebesucher gedacht war. Dies war sein Glück. Sonst hätte er sich bestimmt den Kopf am Türstock gestoßen.

Die Tür führte auf eine schmale, kopfsteingepflasterte Gasse. Zwischen den Häuserreihen links und rechts waren Wäscheleinen gespannt. Aha: südländisches Flair. Aber wie nutzt man die Mitte der Leine? Seppi stellte sich echte Cyberspacefrauen vor, die mit zwei Meter langen Armen Wäsche aufhängten.

Aus der Grübelei riß ihn ein lautes Rumpeln hinter ihm. Er drehte sich um und sah eine Standuhr, die ihn noch um einen Kopf überragte. Nun war dies nichts ungewöhnliches. Vielleicht hatte die Uhr denselben Weg. Seppi setzte seinen Weg fort und beschloß der Sache auf den Grund zu gehen. Er streifte ziellos durch die Gassen, so viele Richtungsänderungen wie möglich vornehmend. Immer noch tippelte die Uhr, wohl bedacht, jeglichen Lärm zu vermeiden, brav hinter ihm her. Nur war die Standuhr kein Apache und folglich nicht besonders geschickt im Schleichen. Eigentlich mußte es sich um eine Gehuhr handeln, denn von ``Stand'' konnte keine Rede sein.

``Nun schlägts dreizehn!'', dachte Seppi und freute sich ob dieser passenden Wendung, die ihm da eingefallen war. Er fuhr blitzschnell herum und sah der Uhr direkt ins Zifferblatt. Es zeigte ``halb drei''. ``Uhr,'', denn er wußte nicht, ob er sie mit Standuhr oder Gehuhr ansprechen sollte (Sanduhr hatte er völlig ausgeschlossen), also: ``Uhr, warum gehst du mir nach?'', fragte er herausfordernd die Uhr. ``Nun, schau mal auf deine Armbanduhr'', anwortete ihm die Gehuhr.

Gary Grant trug eine Omega ``Speedmaster Professional''. Eine gute Wahl. Der Mann hatte Geschmack besessen. Die Uhr hatte recht. Sie ging seiner Uhr um eine Viertelstunde nach. Bei ihm war es schon ``viertel vor drei''. Dieser Uhr kann geholfen werden. Mit einer schwungvollen Bewegung stellte er den Minutenzeiger vor und sprach, sich plötzlich an ein Bibelzitat erinnernd die Worte: ``zieh auf, sei so nett und steh!''. Und die Uhr wurde wieder zur Standuhr und bimmelte zum Dank drei mal für ``viertel vor drei''.

Beflügelt von der guten Tat lenkte Seppi seine Füße zu dem großen Platz in der Mitte des DreamLANS, wo er sich mit Veronika treffen wollte. Die Sonne schien warm auf die roten Dächer der virtuellen Stadt und die Straßen waren woll mit Claudia Schiffers, die Arm in Arm mit David Copperfields flanierten. Die Tauben waren darauf programmiert, einem nicht auf den Kopf zu scheißen und die Hunde verrichteten gleich gar keine Notdurft, in die man treten konnte. Eine Gruppe Tom Cruises, vermutlich Jugendliche im richtigen Leben, zog johlend an ihm vorbei. Das war das Problem in der künstlichen Welt: jeder konnte sein, was er wollte.

Seppi bog um eine Ecke und plötzlich stand ein großes ``D'' vor ihm. Der Alptraum jeden Anhängers des Terminaladventures ``Moria''. Bei diesem Spiel durchstreift man als Klammeraffe (``@'') auf einer 80x25 Textkonsole die dunklen Dungeons Morias. ``a'''s sind zum Beispiel Ameisen, ``o'''s Orks, ``Y''' Yetis, ``s'''s Skelette, ``d'''s junge Drachen und ``D'''s alte, mächtige Drachen.

Doch Seppi wußte von alledem nichts und machte sich eine Spaß daraus, durch das ``D'' hindurchzuschlüpfen. Mit einem ``X'' hätte er da schon mehr Schwierigkeiten gehabt. Das ``D'' tobte. Doch Seppi fiel nur unwillkürlich ein, wie lange er schon keine Buchstabensuppe mehr gegessen hatte. Oder Russisches Brot. Schade, daß man im Cyberspace nichts essen konnte. Dafür konnte man aber auch nichts trinken.

Ein unauffällig gelbes Schild mit rosanem Herz und schwarzen Buchstaben ``CS'' erregte seine Aufmerksamkeit. ``CS'' steht normalerweise für Cyberspace aber das paßte nicht zu dem Herzchen. Sollte es etwa... Seppi stieg die Treppe unter dem Schild hinunter und stand vor einer grünen Tür mit einer goldenen Klingel. Darüber hing eine rote Laterne. Seppi sah seine Vermutung bestätigt. ``CS'' stand für ``Cybersex''. Seppi schellte gespannt. Eine Klappe ging auf und eine Stimme fragte:
``Volljährig?''
``Jawoll!''
``Schon mal was von gesperrten Newsgruppen gehört?''
``Nein, nie!''
``Mit Grabenreuth im Bunde?''
``Gott bewahre!''
Die Tür schnappte auf. Im Halbdunkel gewahrte er durch die von künstlichem Zigarettenrauch geschwängerte Luft einige Gestalten an runden Tischen. Sie verfolgten aufmerksam das Geschehen im Scheinwerferlicht auf der Bühne. Cindy Crawford war gerade dabei, kunstvoll ihren BH auszuziehen. Die Band spielte einschlägige Musik. Seppi wurde es eng in der Hose. Ihm wurde schmerzhaft bewußt, daß er keinen hellblauen Anzug trug, sondern eine besonders eng anliegende Gummihaut. Der Türsteher, der derartige Situationen wohl schon öfter erlebt hatte, meinte entschuldigend: ``Naja, das ist alles noch in der Versuchsphase.'' ``Cybersex, was?!'', antwortete Seppi verächtlich und ging wieder nach draußen.

Komischerweise blendete ihn die Sonne gar nicht. Alles hat seine Vor- und Nachteile. Noch während er über elastische Datenanzüge nachdachte, bemerkte er Grace Kelly am anderen Ende des Platzes. Er hob die linke Hand und bohrte mit der rechten in der Nase, worauff Grace Kelly ihren Hut auf den Boden warf. Dieses Protokoll hatten sie als Erkennungszeichen ausgemacht, denn man konnte sich ja nie sicher sein. Da fiel ihm ein, daß Veronika auch ihre Freundin Simone, die er gar nicht mochte, geschickt haben konnte. Doch er verdrängte den Gedanken in Erwartung des Kusses, der auf ihn zustürzenden Grace Kelly. Millimeter vor seinen Lippen schlug Eisen auf Eisen. Die Datenhelme waren aufeinandergeknallt. Daran hatten sie nicht gedacht. Schade eigentlich. So gingen sie etwas spazieren. Sie hatten ja noch eine Stunde Zeit, sich zu vergnügen. Da meinte Veronika:
``Seppi?''
``Ja, Veronika?''
``Ich muß aufs Klo...''