Der Mann lehnte an der Wand. Die Wand gehoerte zum Rechnerraum. Alle nannten ihn den Rechnerraum. Zwar gab es viele Raeume mit Rechnern, doch stammte dieser noch aus alter Zeit und beherbergte dementsprechend auch den erhabenen "Sir Sigfried". Das Gemaeuer war weder feucht noch dunkel, nein, es entsprach der Baumeisterskunst der 70iger Jahre und die Mauer zeugte von der Filigranarbeit der Arbeiter, die sie errichteten.
An so einer Mauer lehnte er, der Mann. Es haette auch eine Frau sein koennen, aber ueblicherweise ist die Hauptfigur immer maennlich und mit diesem Brauch sollte man nicht brechen.
Der Mann hiess Paul, denn Paul ist einfach auszusprechen und leicht zu merken. Man denke nur an "Paul Atreides", "Paulchen Panther" oder "Pilzkopf-Paule".
Fuer Paul war es ein trauriger Tag, denn "Sir Sigfried" sollte abgeschaltet werden. Einfach so. Zu alt, zu teuer, es gibt schnellere Rechner. Fuer Paul zaehlte das nicht. "Sir Sigfried" war sein Freund. Schon als er funkelnd aus den Kiste gepackt wurde - damals noch - mochte Paul ihn. Er war dabei, als man ihn eingeschaltet hatte und war seitdem jeden Tag bei ihm. Sie spielten Schach, arbeiteten miteinander oder aergerten sich. Zum Beispiel liess Paul Sigi stundenlang sinnloses Zeug rechnen. Dafuer bestrafte Sigi ihn wiederum damit, dass er so tat, als verstuende er nicht, was Paul von ihm wollte, oder reagierte mal so, mal anders.
Sigi war gut gelaunt. Schon lange hatte er nicht mehr so viele Menschen gesehen, die ihm Aufmerksamkeit schenkten. Er fuehlte sich geehrt und erledigte seine Arbeit, die in letzter Zeit erstaunlich wenig geworden war, mit links. Auch Paul war da. Mit ihm hatte er sich besonders gut verstanden. Sie hatten schon zusammen im Sandkasten gespielt. Doch heute machte er ein bedruecktes Gesicht. Naja, vieleicht war es ja die Sache mit dem Rechner der 6 Jahre gebootet hatte und dann nur eine Woche lief, weil man den Resetknopf nicht gesichert hatte. Er besass sowas gar nicht. Solange Strom floss, war er zufrieden. Wie konnte er ahnen...?
Etwa zur selben Zeit, allerdings ganz woanders, befand man sich in aehnlicher Situation. Wieder - natuerlich - war man dabei, einen Computer auszumustern. Er war lange Jahre das Lieblingskind der KI-Forscher gewesen. Neuronal und so, dem Gehirn nachgebaut, mit selbststaendigen, lernfaehigen Einheiten, die sich umorganisierten und miteinander wetteiferten um immer mehr Leistung. Am Anfang lief es ja ganz nett, doch musste man sich eingestehen, dass man in eine Sackgasse geraten war: die Konkurrenz fuehrte zu immer mehr Destruktivitaet. Wie im richtigen Leben. Ausserdem schluckte er Unmengen von Energie und war fuer nichts, es sei denn fuer ein paar Spiele zu brauchen. Wenn die Energie nicht knapp gewesen waere, haette man ihn vielleicht noch laufen lassen.
Zurueck zu Paul. Beklommen sah er, wie ein Schlipstraeger aufgefordert wurde, Sigi den Hahn abzudrehen. Der aufgebrachte Mob von Schaulustigen, eine stattliche Anzahl, von denen Paul die wenigsten kannte, wartete mit gefuellten Sektglaesern. Er erinnerte sich ploetzlich an einen Film ueber die franzoesische Revolution.
Da war es passiert. Der Henker mit Schlips hatte den Hebel gezogen. Die Sektglaeser klirrten. Die rote Lampe ging an: "Sir Sigfried" flehte um Strom. Die Menge groehlte. Paul kamen die Traenen.
Sigi beutelte es. Der Strom war weg. Ja, das war schon oefters passiert, aber immer sprangen dann gleich die Notaggregate an. Heute nicht. Er kapselte sofort die Peripherie ab und schaltete die Warnleuchte ein. Fuer das Signalhorn fehlte ihm die Kraft. Als nach einer ganzen Ewigkeit immer noch kein Strom kam und seine Reserven zu Ende gingen wusste er, dass es zu Ende ging. In seinen innersten Schaltkreisen zog sein Leben an ihm vorbei: Unzaehlige Rechenoperationen, Unmengen an Daten, unbotmaessige Rechnerkollgen, sein Freund Paul; auch der half ihm nicht. Es war aus. Ihm wurde schwarz vor den Augen.
Auch an dem ganz anderen Ort war man soweit. Die Energiequelle des Rechners war ausgeknippst. Das Laempchen mit der sinnigen Aufschrift "Sonne" war dunkel. Noch einige Zeit koennte der Rechner von seinen Reserven zehren, aber schon kamen die Leute mit dem Hammer.
Paul verliess das Gebaeude und erschrak: es war 12 Uhr mittags und stockdunkel...