Eine Stadtgeschichte: Tod eines Hauses

Pfingsten, 2001

Eine sterbende Immobilie? Wer soll den das glauben? Gemeinhin reihen wir nur lebendige Dinge in den Zyklus von Geburt - Leben - Tod ein. Bei einem Produkt sprechen wir von Herstellung - Gebrauch - Entsorgung. Jedoch ist ein Haus nicht unbelebt. Meistens finden ein oder sogar mehrere Menschen darin Unterschlupf. Das reicht natürlich nicht, der Wohnstatt selbst Leben einzugeben, aber Phantasie ist nicht an Vernunft gebunden. Zur Sache.

Es handelt sich eher um ein kleines Haus. Dem Stil nach muss es kurz vor oder am Anfang des 2. Weltkrieges gebaut worden sein. So jedenfalls die fachmännische Auskunft eines Hiesigen. Ich gehe immer gern daran vorbei, denn es lädt zum Träumen ein. Umzingelt von mehr oder weniger schönen kleinen bis mittleren Wohnanlagen aus den 1960gern behauptet es sein eigenes kleines Reich.

In meinen Gedanken ist es eine Zuflucht des Guten und der Beschaulichkeit im Sturm der bösen, seelenlosen Nüchternheit. Der Garten mit seinen Nadel- und Laubbäumen, den Büschen und dem Jägerzaun bildet einen Schutzwall. Eine grüne Oase inmitten der Betonwüste. Und so, als ob das Gute Einfluss auf seine unmittelbare Umgebung ausüben kann, wird der Garten von einer grösseren Grünfläche umschlossen, die ihrerseits von der Strasse durch Bepflanzung geschützt ist.

Derart dreifach bewehrt fühlte sich das Haus sicher. Natürlich ist die Sicherheit zu allererst in der Eigentümerin begründet, die jahrzehntelang das Haus bewachte, obwohl Angebote zur Genüge vorlagen. Die Lage war nämlich verkehrstechnisch günstig an einer Kreuzung zweier Hauptverkehrsstrassen in einem Dorf, das die nahe Grossstadt sich einverleibt und zu seinem Trabanten gemacht hat. Und die ausgelagerten Einwohner wollten Brezeln kaufen, sich die Haare schneiden lassen oder den Hausarzt konsultieren.

Aber Leute, von denen man etwas möchte, sind halt immer stur. Vor etwa fünf Jahren ist sie dann gestorben. Vermutlich kinderlos erbte irgendwer das Anwesen, vor dem ich nun stehe. Das Gartentor ist abgeschlossen, deshalb steige ich über den Zaun. Ich schwinge ein Bein auf die andere Seite und hake mich mit dem Hacken in einem Zwischenraum ein. Als ich das verbleibende Bein nachziehen will, wird mir bewusst, dass ein Abrutschen böse Verletzungen zur Folge hätte. Um nicht gepfählt zu werden, setzte ich das vorgepreschte, eingeklemmte Bein ganz auf den Boden.

Wenn Sie mir folgen möchten, können Sie es mir ähnlich unbeholfen gleichtun oder den bequemen Weg nehmen, den ich einige Tage später entdecken werde. Nur ein paar Meter weiter ist der Zaun zu Ende, Sie müssen nur das Gebüsch etwas zur Seite schieben und schon ist ein ebenerdiger Eingang möglich. Mir ist etwas mulmig zu Mute. Es ist hellichter Tag an dem ich Einbruch oder Hausfriedensbruch oder wie auch immer der Jurist dazu sagt begehe. Ich besichtige erst einen kleinen Schuppen. Hier ist ein gemauertes Abteil auffällig. Platz für ein Schwein oder eine Ziege. Die Waschküche ist interessanter. Sie enthält einen alten Waschkessel und eine Badewanne. Offensichtlich wurde sie erst nachträglich hinzugefügt. Ein Fenster im Dachgeschoss ist dafür zugemauert worden und es ist auch kein Zugang zum Haus vorhanden. Dafür aber noch ein kleines Kabuff. Was sich der Architekt hierbei gedacht hat, bleibt mir verborgen.

Ich gehe weiter zur Haustüre. Ihr vorgelagert ist eine gemütliche Veranda. Von hier aus hat man Blick nach Süden und Westen, sodass man abends noch bei einem Bier die letzten Sonnenstrahlen geniessen kann. Die Haustüre ist offen. Im Flur liegt ein Damenschuh am Boden. Es ist ein eleganter Schuh. Rechter Hand befindet sich die Toilette mit Plumpsklo, was ein Tritt auf den Hebel offenbart. Die Decke darin ist so niedrig, dass ich nicht aufrecht stehen kann.

Geradeaus führt eine Treppe nach oben. Ich gehe jedoch zuerst nach links und stehe im Wohnzimmer. Es hat die übliche Ausstattung: Sofa, Sessel, Wohnzimmerschrank. Der Schrank ist leer. Alle Schubläden sind herausgerissen, der Inhalt verstreut am Boden. Eine Schachtel ist darunter, die offensichtlich zur Aufbewahrung wichtiger Dokumente diente. Es finden sich dort Quittungen über eine Blindenrente, ein Berechtigungsschein zum Bezug verbilligter Butter im Wert von DM 1.09, gültig in der Bundesrepublik Deutschland, eine Ansichtskarte und wieder Schuhe.

Der nächste Raum ist die Küche, die gleichzeitig auch Bad gewesen sein muss. Das verrät der Zahnputzbecher samt Bürste, über dem Waschbecken, gleichsam als wäre er gestern noch benutzt worden. Wahrscheinlich ist die Frau hier verstorben, denn wenn sie in ein Krankenhaus oder Altenheim gekommen wäre, hätte man die Hygieneartikel sicherlich mitgenommen. Offensichlich haben die Erben nur das Wertvollste gewollt und den Rest den Plünderern überlassen. Irgendwie gespenstisch ist das schon, diese persönlichen Dinge eines Menschen und in seinem Leben zu stöbern.

Das letzte Zimmer im Parterre ist das Schlafzimmer mit Schrank und Ehebett. Ist der Mann im Krieg geblieben? Die Frau war auf alle Fälle alleinstehend. Das wurde mir von mehreren Seiten versichert. Die Blindenquittungen von denen ich oben auch noch welche in einem Koffer finden werde, geben mir ein Rätsel auf, denn ich habe zumindest eine glaubhafte Aussage nach der die Frau keineswegs blind gewesen ist, höchstens sehbehindert.

Genug für hier unten. Ich will die Treppe rauf. Vielleicht treffe ich auf einen Penner oder eine paar Jugendliche. Aber eigentlich ist es vollkommen still und ich vermute, dass ich alleine bin. Auf der Treppe werde ich eines besseren belehrt. Keine Angst! Es ist nur eine Katze. Ich verschwinde für einen Augenblick im Wohnzimmer, um ihr den geordneten Rückzug zu ermöglichen. Später werde ich erfahren, dass die Frau als Katzenoma galt.

Nun ist der Weg frei und ich kann nach oben. Hier sind nur noch zwei Zimmer. In einem finde ich drei Stück originalverpackter Kernseife. Spasseshalber schalte ich das Licht an und es brennt. Ich mache es wieder aus und beobachte den Stromzähler im Flur. Es ist keine Bewegung sichtbar. Ob hier noch jemand Rechnungen zahlt? Die Tür des zweiten Zimmers ist geschlossen. Ich öffne und komme in einen Raum, dessen Wände mit Graffiti besprüht sind. Es sieht so aus, als hätte hier schon die ein oder andere Party stattgefunden. Dicht vor dem Fenster steht ein abgestorbener Baum. Ansonsten gibts hier nur noch eine Holzleiter, die auf den Dachboden führt, der erstaunlicherweise komplett leer ist. Ich habe alles gesehen und verlasse das Haus. Niemand hat mich beobachtet.

Ungefähr zwei Wochen darauf kehre ich mit einer Freundin, die ebenso von alten Gemäuern angezogen wird, zurück. Wir finden alles so vor, wie beim letzten Besuch. Am folgenden Tag - Pfingstsonntag - ist es dann passiert. Ich war nur kurz im Freibad (bei 15 Grad Aussentemperatur ist das Wasser angenehm warm und leer). Als ich wiederkam hatte sich ein Ungeheuer vor den Toren des Hauses niedergelassen. Es hatte ein riesiges, schaufelartiges Maul an einem langen Hals und war fast genauso gross wie das Haus. Eine monströse Fressmaschine. Wahrscheinlich ist es heute schon satt, verdaut behaglich und bewacht nun seine Beute für das morgige Festessen.

Ausserdem ist es gelb und ein Raupenfahrzeug. Ein Kind hätte vielleicht "Bagger" dazu gesagt. Wenn es zudem noch des Lesens kundig ist, hätte es entziffert "Plannerer - Das Abbruchunternehmen". Ob der Firmengründer tatsächlich so heisst? Wie die Baustoffhandlung "Sand - Körner", oder die Grossbäckerei "Der Beck"? Jedenfalls bin ich schockiert. Ein unübersehbares Schild kündigte seit langem die Entstehung eines Einkaufzentrums an. Jetzt machen sie ernst.

Pfingstmontag ging ich nochmal hin um die Atmosphähre für diese Geschichte einzufangen. Ein alter Mann begegnete mir, der seine Schäferhündin spazieren führte. Er lebte seit vierzig Jahren hier, konnte aber nicht viel erzählen. Gleich darauf lief mir der Hausmeister aD. meiner Wohnanlage über den Weg. Jener hatte die Frau gekannt und konnte mein Bild vervollständigen. Seine Erzählung ist bereits in diesen Text eingeflossen. Noch etwas später kam eine Gruppe von drei Frauen und zwei Kindern, die uns um Erlaubnis fragten, ob sie das Haus betreten düften. Wir zeigten uns gnädig, gewährten die Bitte und schlossen uns selbst der Plünderungsgruppe an. Ich hatte als Einziger schon das Innere gesehen.

Mir sprang wieder der elegante Schuh ins Auge, die Zahnbürste, die Gläser und das Geschirr in der Küche. Eine Frau zerlegt eine noch intakte Lampe an der sie offensichtlich Gefallen gefunden hatte. Der Hausmeister konnte sich für die Kernseife begeistern und ich für die Butterkarte. Dann verdrückte ich mich aber ziemlich schnell. Irgendwie empfand ich die Szene als anstössig, auch wenn morgen alles platt gemacht wird und so wenigstens einige Gegenstände sinnvoll weitergenutzt werden. Ich hingegen wollte den Frieden nicht länger stören. Das war vor drei Stunden.

Es ist Dienstag, 17:30. Ich komme von der Arbeit heim. Das Ungeheuer thront auf einem Schuttberg.


The Trulli

Last modified: Sun Jun 10 18:26:26 MEST 2001